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Herr Biba erzählt über die Namen von Arzneimitteln

Vor kurzer Zeit ist mir ein interessanter Artikel zum Thema Arzneimittelnamen in die Hände gefallen, von dem ich Ihnen gerne erzählen möchte. Dr. Simone Dohle der Universität Konstanz hat in einer Studie herausgefunden, dass der Name eines Arzneimittels einen großen Einfluss darauf hat, wie Patienten und Patientinnen damit umgehen. Arzneimittel mit unaussprechlichen, komplizierten Namen stufen Patienten eher als gefährlich und riskant ein, während sie mit Präparaten mit leicht gängigen, gut aussprechbaren Namen eher gelassener umgehen.

Warum Patientinnen und Patienten so reagieren? In dem Artikel wird ein möglicher Grund genannt: Komplizierte Produktnamen kosten dem Gehirn Mühe und das löse Ablehnung aus. Umgekehrt erzeugen leicht verständliche Produktnamen eine gute Stimmung – das könnte dazu führen, dass sich Patienten eine höhere Dosis genehmigen, nur weil das Medikament einen klaren Namen trägt.

Arzneimittel mit starken Nebenwirkungen sollten daher ruhig komplizierte, schwer auszusprechende Namen tragen, empfiehlt die Studienautorin.

Wie kommen Arzneimittel zu ihren Namen?

Wenn wir von Arzneimittelnamen sprechen, müssen wir zu allererst klären, von welcher Art von Namen wir sprechen. Es gibt nämlich mehrere Arten von Namen, wie zum Beispiel den Wirkstoffnamen oder den Handelsnamen. Ich werde hier aber nicht zu sehr ins Detail gehen – den Wissbegierigen unter meinen Leserinnen und Lesern empfehle ich die umfangreiche Artikelserie „Woher kommen die Namen für unsere Arzneimittel?“ von Dr. Heinrich P. Koch in der Österreichischen Apotheker Zeitung (44. Jahrgang, Folge 31/32, 11. August 1990)

Der Wirkstoffname, oder internationaler Freiname, ist eine WHO-Bezeichnung, die die IUPAC-Bezeichnung abkürzt – das sind die so genannten chemischen Namen wie zum Beispiel Ascorbinsäure oder Diclofenac, um nur zwei bekannte Namen zu nennen. Diese Namen sind nicht geschützt.

Die Handelsnamen hingegen sind geschützt. Sie sollen in vielen Ländern verständlich und aussprechbar sein und dürfen nichts Negatives bedeuten.

Viele Handelsnamen der Arzneimittel erzählen Geschichten

Viele Handelsnamen, wie zum Beispiel Voltaren®, erzählen Geschichten etwa über ihren Herkunftsort. Angeblich war es bei Voltaren® so: Ein Mitarbeiter der Firma Ciba-Geigy wurde damit beauftragt, für das Schmerzmittel mit dem Wirkstoff Diclofenac einen Handelsnahmen zu finden. Er dachte nach und blickte dabei aus dem Fenster. In seiner Idee kombinierte er den Namen des Platzes vor dem Pharmaunternehmen (Voltaplatz in Basel) mit Rhenus, dem lateinischen Namen für Rhein – der Fluss der durch Basel fließt. Daraus entstand Voltaren®.

Auch bei Veronal® spielten geographische Einflüsse eine Rolle in der Namensfindung. Die Geschichte dazu finde ich recht amüsant: Die Erfinder dieses Arzneimittels waren der Chemie-Nobelpreisträger von 1902, Emil Fischer und Joseph von Mering, der den neuen Arzneistoff  Diethylbarbitursäure auf einer Bahnreise von Berlin nach Basel selbst einnahm. Angeblich wachte er nach der Einnahme erst wieder in Verona auf. So bekam das Schlafmittel, das 1903 in den Handel kam, den klangvollen Namen Veronal®.

Lieber eine systematische Benennung!

Die heute übliche systematische Benennung der Wirkstoffe geht auf den für die gesamte Chemie und Pharmazie so wichtigen Antoine Laurent de Lavoisier zurück. Er schlug Ende des 18. Jahrhunderts vor, die chemischen Verbindungen nach ihrer elementaren Zusammensetzung zu bezeichnen – und sie nicht, wie etwa zuvor, nach ihrem Vorkommen in der Natur oder nach ihrer Entstehung aus anderen Stoffen oder sogar nach äußeren Merkmalen zu benennen.

Aus diesen trivialen Zusammenhängen heraus ergaben sich beispielsweise die Namen für „Sauerstoff“ (man dachte, dass dieses Element die sauren Eigenschaften der Stoffe verursachte), „Bittersalz“ (wegen des bitteren Geschmacks“) oder „Emetin“ (wegen der Brechwirkung).

Was beeinflusst die Namensfindung?

Neben dem Bezug zu geographischen Bezeichnungen, wie eben Veronal oder Voltaren, beeinflussen weitere Faktoren die Namensfindung. So zum Beispiel finden wir viele Arzneimittelnamen mit Bezug zu historischen Personen oder Begebenheiten, zur Mythologie, zu Sagen und Märchen oder sogar zu Musik und Theater, Kunst, Politik oder Wissenschaft.

Eine große Zahl von markengeschützten Handelsnamen, nämlich etwa 20%, besteht aber vornehmlich aus sprachlichen Erfindungen, also Kunstwörtern! Wo wir wieder am Anfang meiner heutigen Geschichte wären, wo ich Ihnen davon berichtete, dass die Komplexität des Arzneimittelnamens Einfluss darauf nimmt, wie Patientinnen und Patienten mit dem Produkt umgehen. Arzneimittel mit komplexen, unaussprechlichen Handelsnamen wirken laut der vorgestellten Studie auf Patientinnen und Patienten „gefährlich und riskant“, was sie zu einem vorsichtigen Umgang damit motiviert.

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