Foto: Zimmer mit altem Klavier und Ledersessel

Reiseapotheke

Als Kaiserin Sisi auf Reisen ging

Seit über zehn Jahren können Sie in Wien im Sisi-Museum einen Blick in die Reiseapotheke von Kaiserin Elisabeth werfen. Dabei werden Ihnen einige Besonderheiten auffallen. Zum einen war die Reiseapotheke nicht ein kleines Täschchen, so wie heutige Reiseapotheken, sondern ein verschließbarer Holzkoffer mit Laden, Metalldosen und Glasflaschen. Zum anderen führte Kaiserin Elisabeth 63 verschiedene Arzneimittel in ihrer Reiseapotheke mit sich. Diese reichten von den einfachen Hoffmannstropfen über Kokain bis hin zu weit komplexeren Tinkturen.

Was genau in Sisis Reiseapotheke war, ist leider nicht so einfach herauszufinden. Aber ich habe einen allgemeinen Hinweis auf Reiseapotheken um die Mitte des 19. Jahrhunderts in der Enzyklopädie des Arztes Georg Friedrich Most gefunden und ich vermute, dass Kaiserin Elisabeth seinen Empfehlungen gefolgt ist.

Mindestens 41 empfohlene Arzneimittel

Die Enzyklopädie des Arztes Georg Friedrich Most über die „gesamte Volksmedizin“ war um die Mitte des 19. Jahrhunderts ein sehr beliebtes und verbreitetes Hausbuch. In der Bibliothek der Österreichischen Apothekerkammer haben wir davon einen Faksimile-Abdruck. Darin finden wir auch Empfehlungen, welche „Arzneikörper sich in einem solchen Medicinkasten oder in der so genannten Reiseapotheke befinden sollen“, wie Most schreibt.

Most empfiehlt in seiner Enzyklopädie von 1843 insgesamt 41 verschiedene Arzneimittel und gibt auch Hinweise darauf, bei welchen Krankheitsbildern wie viel davon verabreicht werden soll. Dabei ist zu beachten, dass Most Arzt war und daher auch oftmals schreibt, dass einige Bestandteile in der „Reiseapotheke eines Arztes“ nicht fehlen durften. Wie etwa „Asanttropfen“, die bei „Krämpfen Hysterischer“ verwendet werden sollen, „Bisam“, das beim „Delirium tremens der Säufer“ zum Einsatz kommt oder „Opiumtinktur“, welche als „unschätzbares Heilmittel in der Hand des vorsichtigen Arztes“ beschrieben wird.

Opiumtinktur wurde bis ins frühe 20. Jahrhundert häufig verordnet, heute allerdings nur noch selten. Vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert wurde sie auch als Laudanum, Mohnsaft (Laudanum liquidum) oder Meconium bezeichnet. Laudanum war frei verkäuflich und günstig, daher war es in allen Gesellschaftsschichten Europas sehr populär. Seine Verbreitung im 18. und 19. Jahrhundert lässt sich in etwa mit der des Aspirins in der heutigen Zeit vergleichen. Eine Zeit lang fand der Begriff auch als Synonym für Schmerzmittel allgemein Verwendung.

Spätestens hier wird klar, dass die „Reiseapotheke“ damals etwas ganz Anderes bedeutete, als die Reiseapotheke heute.

Reiseapotheke damals – keine Selbstmedikation

Reiseapotheke aus dem 18 Jahrhundert- Museum Casa Rezzonico

Damals nahm man Arzneimittel mit auf Reisen, die im Notfall von einem Arzt im Reiseland verabreicht werden konnten, wenn kein eigener Arzt mit auf Reisen ging. Da macht es natürlich auch Sinn, dass Kaiserin Elisabeth beispielsweise auch eine Spritze zur Verabreichung des Kokains in ihrer Reiseapotheke führte; sie wollte sicherlich nicht auf vielleicht alte oder verschmutzte Spritzen im Reiseland angewiesen sein. Ich denke, dass es bezüglich der Kokainspritze viele Fehlinterpretationen gibt. Gerade bei Kaiserin Sisi findet man aus Dokumenten der Wiener Hofapotheke keine Hinweise auf verschriebenes Kokain, so wie beispielsweise bei Erzherzog Rudolf. Kokain wurde damals, als Sisi auf Reisen ging, übrigens für ein gutes Schmerzmittel gehalten, das hohe psychische Abhängigkeitspotenzial war noch nicht bekannt.

Familie Mozarts Reiseapotheke – ein wenig Selbstmedikation

Aber auch damals gab es Familien, die viel reisen mussten und dennoch nicht so ein umfassendes Reisebudget wie Kaiserin Elisabeth zur Verfügung hatten, wie etwa die Familie Mozart. Um sich im Ausland nicht unbedingt einen Arzt leisten zu müssen, führten sie einige Arzneimittel mit, die sie auch selbst einnehmen konnten. So zum Beispiel das damals sehr beliebte Markgrafen-Pulver. Im Wiener Arzneibuch von 1729, dem „Dispensatorium pharmaceuticum Austria-Viennense“, finden wir die Zusammensetzung dieses Pulvers. Es besteht unter anderem aus Pfingstrosenwurzel (die bei abnehmendem Mond ausgegraben wurde), Elfenbein, pulverisierten Flussmuscheln und Korallen. Die Inhaltsstoffe wurden portioniert, in ein Goldplättchen gewickelt und eingenommen.

Und auch Kaiserin Elisabeth nahm ausgesuchte Arzneimittel aus ihrer Reiseapotheke selbst ein, wie etwa die Hoffmannstropfen – eine Mischung aus Alkohol und Äther. Sie galten, ähnlich wie das Riechsalz, als wiederbelebend und wurden von vielen Damen verwendet. Eventuell gab es aufgrund der damaligen Mode vermehrt Ohnmachtsanfälle? Aber da bin ich kein Experte. Die Hoffmannstropfen waren übrigens das letzte Arzneimittel, das Sisi aus ihrer Reiseapotheke genommen hat. Als sie nämlich in der Schweiz dem Attentat zum Opfer gefallen war, wurde sie ohnmächtig und mit Hoffmannstropfen nochmals kurz ins Leben zurückgeholt. Aber gegen einen Stich ins Herz kommen diese Tropfen leider auch nicht an.

Reiseapotheke heute – Selbstmedikation

Reisen ist im Vergleich zu Sisis Zeiten heutzutage natürlich viel günstiger und theoretisch für alle möglich. Wer nicht in entlegene, verlassene Gegenden fährt, kann auch darauf vertrauen, vor Ort im Reiseland im Notfall eine gute medizinische Betreuung zu bekommen. Heutige Reiseapotheken sind nicht nur viel handlicher, sondern auch ganz anders zusammengesetzt. Sie sind darauf ausgerichtet, dass man die Arzneimittel selbst einnehmen kann – mit Fiebermittel, Schmerzmittel oder Magen/Darm-Medikamente kann eigentlich mittlerweile jeder umgehen.

Was Sie aber genau in Ihre individuelle Reiseapotheke packen müssen, erfahren Sie in jeder Apotheke, wo sie sich auch über die Einnahme informieren können.

Weiterführende Links:

Video: Das gehört in die Reiseapotheke

Reisecheckliste 

Individuelle Reiseapotheke

 

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