Foto: Zimmer mit altem Klavier und Ledersessel

Herr Biba erzählt über die Namen von Arzneimitteln

Vor kurzer Zeit ist mir ein interessanter Artikel zum Thema Arzneimittelnamen in die Hände gefallen, von dem ich Ihnen gerne erzählen möchte. Dr. Simone Dohle der Universität Konstanz hat in einer Studie herausgefunden, dass der Name eines Arzneimittels einen großen Einfluss darauf hat, wie Patienten und Patientinnen damit umgehen. Arzneimittel mit unaussprechlichen, komplizierten Namen stufen Patienten eher als gefährlich und riskant ein, während sie mit Präparaten mit leicht gängigen, gut aussprechbaren Namen eher gelassener umgehen.

Warum Patientinnen und Patienten so reagieren? In dem Artikel wird ein möglicher Grund genannt: Komplizierte Produktnamen kosten dem Gehirn Mühe und das löse Ablehnung aus. Umgekehrt erzeugen leicht verständliche Produktnamen eine gute Stimmung – das könnte dazu führen, dass sich Patienten eine höhere Dosis genehmigen, nur weil das Medikament einen klaren Namen trägt.

Arzneimittel mit starken Nebenwirkungen sollten daher ruhig komplizierte, schwer auszusprechende Namen tragen, empfiehlt die Studienautorin.

Wie kommen Arzneimittel zu ihren Namen?

Wenn wir von Arzneimittelnamen sprechen, müssen wir zu allererst klären, von welcher Art von Namen wir sprechen. Es gibt nämlich mehrere Arten von Namen, wie zum Beispiel den Wirkstoffnamen oder den Handelsnamen. Ich werde hier aber nicht zu sehr ins Detail gehen – den Wissbegierigen unter meinen Leserinnen und Lesern empfehle ich die umfangreiche Artikelserie „Woher kommen die Namen für unsere Arzneimittel?“ von Dr. Heinrich P. Koch in der Österreichischen Apotheker Zeitung (44. Jahrgang, Folge 31/32, 11. August 1990)

Der Wirkstoffname, oder internationaler Freiname, ist eine WHO-Bezeichnung, die die IUPAC-Bezeichnung abkürzt – das sind die so genannten chemischen Namen wie zum Beispiel Ascorbinsäure oder Diclofenac, um nur zwei bekannte Namen zu nennen. Diese Namen sind nicht geschützt.

Die Handelsnamen hingegen sind geschützt. Sie sollen in vielen Ländern verständlich und aussprechbar sein und dürfen nichts Negatives bedeuten.

Viele Handelsnamen der Arzneimittel erzählen Geschichten

Viele Handelsnamen, wie zum Beispiel Voltaren®, erzählen Geschichten etwa über ihren Herkunftsort. Angeblich war es bei Voltaren® so: Ein Mitarbeiter der Firma Ciba-Geigy wurde damit beauftragt, für das Schmerzmittel mit dem Wirkstoff Diclofenac einen Handelsnahmen zu finden. Er dachte nach und blickte dabei aus dem Fenster. In seiner Idee kombinierte er den Namen des Platzes vor dem Pharmaunternehmen (Voltaplatz in Basel) mit Rhenus, dem lateinischen Namen für Rhein – der Fluss der durch Basel fließt. Daraus entstand Voltaren®.

Auch bei Veronal® spielten geographische Einflüsse eine Rolle in der Namensfindung. Die Geschichte dazu finde ich recht amüsant: Die Erfinder dieses Arzneimittels waren der Chemie-Nobelpreisträger von 1902, Emil Fischer und Joseph von Mering, der den neuen Arzneistoff  Diethylbarbitursäure auf einer Bahnreise von Berlin nach Basel selbst einnahm. Angeblich wachte er nach der Einnahme erst wieder in Verona auf. So bekam das Schlafmittel, das 1903 in den Handel kam, den klangvollen Namen Veronal®.

Lieber eine systematische Benennung!

Die heute übliche systematische Benennung der Wirkstoffe geht auf den für die gesamte Chemie und Pharmazie so wichtigen Antoine Laurent de Lavoisier zurück. Er schlug Ende des 18. Jahrhunderts vor, die chemischen Verbindungen nach ihrer elementaren Zusammensetzung zu bezeichnen – und sie nicht, wie etwa zuvor, nach ihrem Vorkommen in der Natur oder nach ihrer Entstehung aus anderen Stoffen oder sogar nach äußeren Merkmalen zu benennen.

Aus diesen trivialen Zusammenhängen heraus ergaben sich beispielsweise die Namen für „Sauerstoff“ (man dachte, dass dieses Element die sauren Eigenschaften der Stoffe verursachte), „Bittersalz“ (wegen des bitteren Geschmacks“) oder „Emetin“ (wegen der Brechwirkung).

Was beeinflusst die Namensfindung?

Neben dem Bezug zu geographischen Bezeichnungen, wie eben Veronal oder Voltaren, beeinflussen weitere Faktoren die Namensfindung. So zum Beispiel finden wir viele Arzneimittelnamen mit Bezug zu historischen Personen oder Begebenheiten, zur Mythologie, zu Sagen und Märchen oder sogar zu Musik und Theater, Kunst, Politik oder Wissenschaft.

Eine große Zahl von markengeschützten Handelsnamen, nämlich etwa 20%, besteht aber vornehmlich aus sprachlichen Erfindungen, also Kunstwörtern! Wo wir wieder am Anfang meiner heutigen Geschichte wären, wo ich Ihnen davon berichtete, dass die Komplexität des Arzneimittelnamens Einfluss darauf nimmt, wie Patientinnen und Patienten mit dem Produkt umgehen. Arzneimittel mit komplexen, unaussprechlichen Handelsnamen wirken laut der vorgestellten Studie auf Patientinnen und Patienten „gefährlich und riskant“, was sie zu einem vorsichtigen Umgang damit motiviert.

 

Foto: Zimmer mit altem Klavier und Ledersessel

Herr Biba erzählt über die Namen der Apotheken

Woher haben die Apotheken ihre Namen? Viele Apotheken heißen wie ihr Standort, wie zum Beispiel „Bahnhofsapotheke“ oder ehren eine berühmte Person, wie die Beethoven-Apotheke. Immerhin ein Zehntel der Österreichischen Apotheken sind nach einem Tier benannt: Adler, Löwe und Bär führen die Liste an.

Biber oder Gemse: Apothekennamen mit tierischen Geschichten

Ich finde es ja ausgesprochen lustig, dass es immerhin drei Biber-Apotheken in Österreich gibt. Natürlich haben diese nichts mit mir zu tun, mich schreibt man ja mit A, wie Apotheke. Trotzdem lächle ich immer, wenn ich an einer der Biber-Apotheken vorbei spaziere, wie zum Beispiel an der Apotheke „Zum Goldenen Biber“. Seit 1608 befindet sie sich in der Getreidegasse in Salzburg. Im 19. Jahrhundert bekam sie ihren heutigen Namen, denn damals war ein Sekret aus den Drüsensäcken des Bibers, das Castoreum, sehr beliebt als Mittel gegen Krämpfe, hysterische
Anfälle oder Nervosität. 
Nach einer anderen Tierdroge ist die Apotheke „Zur Gemse“ in Golling, Salzburg, benannt: sie erinnert uns an die frühe Verwendung von „Gemsenkugeln“ in der Volksmedizin, um etwa bei Kopfschmerzen „die Schlafstube auszuräuchern“.

Der schwarze Elefant: Apothekennamen mit Bezug zu speziellen Häusern

Die Apotheke „Zum schwarzen Elefanten“, die bis 1693 am Wiener Graben stand, hat zwar in ihrem Namen ein beeindruckendes Tier – der Name aber bezieht sich auf ein Relief an der Hausmauer. Die frühesten Apothekennamen gehen nämlich meist auf Hausnamen zurück. Das passierte vor diesem Haus: Erzherzog Maximilian hatte bei seinem Einzug in Wien im Jahr 1552 einen schwarzen Elefanten mit dabei. Als ein kleines Kind dem Elefanten vor die Füße stolperte, trat dieser nicht etwa drauf sondern nahm es mit seinem Rüssel und gab es der Mutter zurück. Dem Elefanten zu Ehren bekam das Haus ein Relief und wurde „Elefantenhaus“ genannt.

Am häufigsten: Namen mit religiösem Inhalt

Am häufigsten finden wir jedoch Apothekennamen mit religiösen Inhalten. Hier fallen mir gleich die Fülle an Apotheken mit Mariennamen auf. Fast 90 der über 270 Apotheken mit Namen von Heiligen tragen einen Mariennamen, vor allem in Wien und Niederösterreich sind diese Namen besonders häufig.
Warum? Das hat mit unserer Habsburg-Geschichte zu tun: Die habsburgischen Herrscher waren bemüht, den katholischen Glauben besonders zu vertiefen, was man an der Zahl der der heiligen Maria geweihten Kirchen und Kapellen erkennt – oder eben auch den Marienapotheken.

Nachforschung mit detektivischem Geschick

Wo eine Apotheke steht oder stand hat auch großen Einfluss auf ihren Namen, wie das Beispiel der Apotheke „Zum Schwarzen Elefanten“ zeigt. Als die Apotheke 1639 übersiedelte, bekam sie aber einen neuen Namen. Ein wenig komplizierter wird die Nachforschung, wenn sich Standortnamen selbst ändern. Die „Mathildenapotheke“ am Wiener Gaußplatz ist dafür ein gutes Beispiel, denn sie ist nicht nach einer berühmten Mathilda benannt. Hier hilft uns die Lokalgeschichte weiter: Bis 1919 hieß der Gaußplatz Mathildenplatz, benannt nach der Tochter des Erzherzogs Albrecht.
Apotheken tragen natürlich oft einen Namen nach einer historisch wichtigen Person. Aber in diesem Fall handelt es sich um einen echten Standortnamen. Eine Spitzfindigkeit.

Die Geschichte lebt in den Apothekennamen weiter

Apothekennamen geben viele Hinweise über die Geschichte und Gesellschaft. Sie beinhalten unglaublich viel geistiges Kulturgut. Ganz eng verknüpft mit unserer Geschichte sind beispielsweise die Hofapotheken, die nach ihrer ursprünglichen Aufgabe benannt wurden. Sie hatten seit dem 16. Jahrhundert eine besondere Funktion in den Habsburgischen Residenzstädten.

Foto: Zimmer mit altem Klavier und Ledersessel

Apothekerfrosch

Erinnern Sie sich an das Märchen von Dornröschen? Es beginnt damit, dass sich die Königin und der König sehnlichst ein Kind wünschten. Eines Tages saß die Königin im Bade als ein Frosch aus dem Wasser ans Land kroch und zu ihr sprach: „Dein Wunsch wird erfüllt werden“. Woher wusste das der Frosch?

Schwanger: Was sagt der Frosch? Was singen die Vögel?

Dass Grimms Märchen nicht nur schöne und schaurige Geschichten sind, sondern darüber hinaus noch viel mehr beinhalten, wird immer wieder von Sprach- und Literaturwissenschaftlern bestätigt. Zwischen den Zeilen der Märchen stecken ganze Bände europäischer Kulturgeschichte.

Die Begebenheit mit dem Frosch ist deshalb so bemerkenswert, da zu Beginn des 20. Jahrhunderts tatsächlich Frösche zum Nachweis von Schwangerschaften eingesetzt wurden. Und zwar lebende Frösche. Nun wurde Dornröschen aber bereits 1812 veröffentlicht. Sprachen die Gebrüder Grimm etwa vom Schwangerschaftsnachweis durch den Frosch?

Aber nicht nur Frösche wurden zum Nachweis von Schwangerschaften verwendet. Zum Einsatz kamen zum Beispiel in der Antike Weizen und Gerstenkörner, die durch den Urin einer schwangeren Frau zu keimen beginnen sollen. Man glaubte auch, dass der Gesang spezieller Vögel die Geburt eines Kindes ankündigen würde. Auch wird von Schwangerschaftstests mit Regenwürmern und Mäusen berichtet. Lesen Sie dazu hier mehr.

Der Frosch aus der Apotheke

Was den Schwangerschaftstest mit dem Frosch so speziell macht ist, dass er offiziell in Apotheken durchgeführt wurde und daher auch als wissenschaftlich fundiert galt.

Ein Exemplar des Krallenfroschs

1930 entdeckte der englische Zoologe und Genetiker Lancelot Hogben bei seinen Untersuchungen am Afrikanischen Krallenfrosch, dass die Weibchen 18 Stunden nachdem man ihnen Urin einer schwangeren Frau injiziert hat, zu laichen beginnen. Kurze Zeit später fand der Argentinische Arzt Carlos Galli Mainini, dass männliche Krallenfrösche noch viel schneller auf den injizierten Urin einer Schwangeren reagieren: Innerhalb von nur zwei Stunden produzieren die Männchen Spermien, die man gut im Mikroskop nachweisen konnte.

Diese so genannten „biologischen Schwangerschaftstests“ nützen die Ähnlichkeit von zwei Hormonen aus: Das Schwangerschaftshormon hCG ist dem Hypophysenhormon LH sehr ähnlich, mit dem das Gehirn den Eisprung bzw. die Spermienproduktion steuert. Im Harn einer schwangeren Frau findet sich eine große Menge an hCG. Dieses wirkt im Frosch wie eine Überstimulation mit dem Sexualhormon LH und führt bei Weibchen zum Laichen und bei Männchen zur Spermienproduktion.

Immunologische Tests retten Fröschen das Leben

Afrikanische Krallenfrösche wurden bis in die 1960er Jahre in Apotheken zum Nachweis von Schwangerschaften verwendet. Daher bekamen die Frösche auch den Namen „Apothekerfrosch“ und der Schwangerschaftstest hieß „Froschtest“. Den Fröschen machte diese Untersuchung angeblich nichts aus. Jeder Frosch konnte etwa alle zwei Wochen für eine Untersuchung verwendet werden.

Heute wird der Froschtest längst nicht mehr als Routinetest verwendet. Das hat mehrere Gründe: Zum einen wäre wohl die Haltung von Fröschen in Apotheken zu aufwändig und zum anderen ermöglichten immunologische Verfahren, die in den 1960er Jahren entdeckt und seither weiterentwickelt wurden, wesentlich schnellere Ergebnisse. Man könnte wohl sagen, dass das Entdecken der immunologischen Tests den Fröschen das Leben gerettet hat. Ein weiterer Vorteil der modernen Tests ist, dass jede Frau selbst testen kann, ob sie schwanger ist oder nicht.

Würden sich Königin und König heutzutage sehnlichst ein Kind wünschen, müssten sie nicht auf die Antwort des Frosches warten. Sie könnten sich von der Palastapotheke nicht nur einen Schwangerschaftstest liefern lassen, sondern auch einen Test zur Bestimmung der fruchtbaren Tage, was die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft vielleicht erhöhen würde. Ovulationstests messen den LH-Wert im Urin der Frau. Das ist übrigens das Hormon, das den Austritt der Eizelle aus dem Eierstock auslöst. Oder bei weiblichen Krallenfröschen zum Laichen führt, wenn übermäßig viel davon vorhanden ist.

Foto: Zimmer mit altem Klavier und Ledersessel

Reiseapotheke

Als Kaiserin Sisi auf Reisen ging

Seit über zehn Jahren können Sie in Wien im Sisi-Museum einen Blick in die Reiseapotheke von Kaiserin Elisabeth werfen. Dabei werden Ihnen einige Besonderheiten auffallen. Zum einen war die Reiseapotheke nicht ein kleines Täschchen, so wie heutige Reiseapotheken, sondern ein verschließbarer Holzkoffer mit Laden, Metalldosen und Glasflaschen. Zum anderen führte Kaiserin Elisabeth 63 verschiedene Arzneimittel in ihrer Reiseapotheke mit sich. Diese reichten von den einfachen Hoffmannstropfen über Kokain bis hin zu weit komplexeren Tinkturen.

Was genau in Sisis Reiseapotheke war, ist leider nicht so einfach herauszufinden. Aber ich habe einen allgemeinen Hinweis auf Reiseapotheken um die Mitte des 19. Jahrhunderts in der Enzyklopädie des Arztes Georg Friedrich Most gefunden und ich vermute, dass Kaiserin Elisabeth seinen Empfehlungen gefolgt ist.

Mindestens 41 empfohlene Arzneimittel

Die Enzyklopädie des Arztes Georg Friedrich Most über die „gesamte Volksmedizin“ war um die Mitte des 19. Jahrhunderts ein sehr beliebtes und verbreitetes Hausbuch. In der Bibliothek der Österreichischen Apothekerkammer haben wir davon einen Faksimile-Abdruck. Darin finden wir auch Empfehlungen, welche „Arzneikörper sich in einem solchen Medicinkasten oder in der so genannten Reiseapotheke befinden sollen“, wie Most schreibt.

Most empfiehlt in seiner Enzyklopädie von 1843 insgesamt 41 verschiedene Arzneimittel und gibt auch Hinweise darauf, bei welchen Krankheitsbildern wie viel davon verabreicht werden soll. Dabei ist zu beachten, dass Most Arzt war und daher auch oftmals schreibt, dass einige Bestandteile in der „Reiseapotheke eines Arztes“ nicht fehlen durften. Wie etwa „Asanttropfen“, die bei „Krämpfen Hysterischer“ verwendet werden sollen, „Bisam“, das beim „Delirium tremens der Säufer“ zum Einsatz kommt oder „Opiumtinktur“, welche als „unschätzbares Heilmittel in der Hand des vorsichtigen Arztes“ beschrieben wird.

Opiumtinktur wurde bis ins frühe 20. Jahrhundert häufig verordnet, heute allerdings nur noch selten. Vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert wurde sie auch als Laudanum, Mohnsaft (Laudanum liquidum) oder Meconium bezeichnet. Laudanum war frei verkäuflich und günstig, daher war es in allen Gesellschaftsschichten Europas sehr populär. Seine Verbreitung im 18. und 19. Jahrhundert lässt sich in etwa mit der des Aspirins in der heutigen Zeit vergleichen. Eine Zeit lang fand der Begriff auch als Synonym für Schmerzmittel allgemein Verwendung.

Spätestens hier wird klar, dass die „Reiseapotheke“ damals etwas ganz Anderes bedeutete, als die Reiseapotheke heute.

Reiseapotheke damals – keine Selbstmedikation

Reiseapotheke aus dem 18 Jahrhundert- Museum Casa Rezzonico

Damals nahm man Arzneimittel mit auf Reisen, die im Notfall von einem Arzt im Reiseland verabreicht werden konnten, wenn kein eigener Arzt mit auf Reisen ging. Da macht es natürlich auch Sinn, dass Kaiserin Elisabeth beispielsweise auch eine Spritze zur Verabreichung des Kokains in ihrer Reiseapotheke führte; sie wollte sicherlich nicht auf vielleicht alte oder verschmutzte Spritzen im Reiseland angewiesen sein. Ich denke, dass es bezüglich der Kokainspritze viele Fehlinterpretationen gibt. Gerade bei Kaiserin Sisi findet man aus Dokumenten der Wiener Hofapotheke keine Hinweise auf verschriebenes Kokain, so wie beispielsweise bei Erzherzog Rudolf. Kokain wurde damals, als Sisi auf Reisen ging, übrigens für ein gutes Schmerzmittel gehalten, das hohe psychische Abhängigkeitspotenzial war noch nicht bekannt.

Familie Mozarts Reiseapotheke – ein wenig Selbstmedikation

Aber auch damals gab es Familien, die viel reisen mussten und dennoch nicht so ein umfassendes Reisebudget wie Kaiserin Elisabeth zur Verfügung hatten, wie etwa die Familie Mozart. Um sich im Ausland nicht unbedingt einen Arzt leisten zu müssen, führten sie einige Arzneimittel mit, die sie auch selbst einnehmen konnten. So zum Beispiel das damals sehr beliebte Markgrafen-Pulver. Im Wiener Arzneibuch von 1729, dem „Dispensatorium pharmaceuticum Austria-Viennense“, finden wir die Zusammensetzung dieses Pulvers. Es besteht unter anderem aus Pfingstrosenwurzel (die bei abnehmendem Mond ausgegraben wurde), Elfenbein, pulverisierten Flussmuscheln und Korallen. Die Inhaltsstoffe wurden portioniert, in ein Goldplättchen gewickelt und eingenommen.

Und auch Kaiserin Elisabeth nahm ausgesuchte Arzneimittel aus ihrer Reiseapotheke selbst ein, wie etwa die Hoffmannstropfen – eine Mischung aus Alkohol und Äther. Sie galten, ähnlich wie das Riechsalz, als wiederbelebend und wurden von vielen Damen verwendet. Eventuell gab es aufgrund der damaligen Mode vermehrt Ohnmachtsanfälle? Aber da bin ich kein Experte. Die Hoffmannstropfen waren übrigens das letzte Arzneimittel, das Sisi aus ihrer Reiseapotheke genommen hat. Als sie nämlich in der Schweiz dem Attentat zum Opfer gefallen war, wurde sie ohnmächtig und mit Hoffmannstropfen nochmals kurz ins Leben zurückgeholt. Aber gegen einen Stich ins Herz kommen diese Tropfen leider auch nicht an.

Reiseapotheke heute – Selbstmedikation

Reisen ist im Vergleich zu Sisis Zeiten heutzutage natürlich viel günstiger und theoretisch für alle möglich. Wer nicht in entlegene, verlassene Gegenden fährt, kann auch darauf vertrauen, vor Ort im Reiseland im Notfall eine gute medizinische Betreuung zu bekommen. Heutige Reiseapotheken sind nicht nur viel handlicher, sondern auch ganz anders zusammengesetzt. Sie sind darauf ausgerichtet, dass man die Arzneimittel selbst einnehmen kann – mit Fiebermittel, Schmerzmittel oder Magen/Darm-Medikamente kann eigentlich mittlerweile jeder umgehen.

Was Sie aber genau in Ihre individuelle Reiseapotheke packen müssen, erfahren Sie in jeder Apotheke, wo sie sich auch über die Einnahme informieren können.

Weiterführende Links:

Video: Das gehört in die Reiseapotheke

Reisecheckliste 

Individuelle Reiseapotheke

 

Foto: Zimmer mit altem Klavier und Ledersessel

Exotische Tiere in Apotheken

Ausgestopftes Krokodil in Apotheke

Ich habe ein erstaunliches Bild in meinem Privatarchiv gefunden, das möchte ich Ihnen gerne zeigen. Es ist auf den ersten Blick ganz banal – eine Alltagsszene aus einer Apotheke, etwa Ende des 17. Jahrhunderts (es zeigt die Offizin der Engel-Apotheke in Darmstadt). Aber: Sehen sie das ausgestopfte Krokodil? Und was Sie auch noch erkennen können: es sind keine KundInnen in der Apotheke.

Es war nämlich nicht immer so, dass die so genannte Laufkundschaft einfach in die Apotheke hineinspazieren durfte, um sich Medikamente zu kaufen. Die Offizin, also der heutige Verkaufsraum, galt früher als reine Werkstatt. Arzneimittel wurden einzig und alleine über ein Fenster verkauft. Ähnlich wie heute bei den Nachtapotheken.

Vom Arbeits- zum Erlebnisraum

Etwa zur Barockzeit veränderte sich grundlegend die Funktion der Offizin. Sie wurde zum sichtbaren Aushängeschild der Apotheken. Viele Apotheken gestalteten daher den Verkaufsraum wie einen wahren Erlebnisraum mit ansprechendem Mobiliar. Direkt an der Tara, einem großen Rezepturtisch mit Waagen und diversen Mörsern, wurden die Arzneien zubereitet. Rundherum standen Schränke und Regale. Oft reichten diese bis zur Decke hinauf und waren prall gefüllt mit Gläsern, glasierten Gefäßen, Töpfen und Tiegeln aus unterschiedlichen Materialien wie etwa Porzellan, Blei, Eisen, Silber, vergoldeter Zinn oder Horn. Je nach Kostbarkeit und Art ihres Inhalts.

Exotische Tiere für den mystischen Touch

Was hat es nun mit dem Krokodil auf sich? Die Barockzeit war auch die Zeit der Kolonien. Länder, Kulturen und neue Heilmittel wurden entdeckt. Die Pflanzen aus den neu entdeckten Welten wurden bei uns zuerst pharmazeutisch eingesetzt – so wie etwa der Paprika als Heil- und Schmerzmittel. Das Capsicum des Paprikas wurde beispielsweise als breiige Paste auf die Haut aufgetragen wie ein Schmerzpflaster. Aber auch die Tomate galt als exotisches Arzneimittel. Und auch Zuckersirup gab es zunächst nur in der Apotheke zu beziehen. Oder Rosenwasser.

Um zu zeigen, dass die sie weltoffen sind und exotische Arzneimittel aus aller Welt anbieten, schmückten viele Apotheken daher ihren Verkaufsraum mit ausgestopften Tieren, die direkt über der Tara aufgehängt wurden. Besonders beliebt waren Krokodile, aber auch große Fische kamen vor. Je ausgefallener und exotischer, desto besser! Heutzutage gibt es diese exotischen Tiere nichtmehr zu sehen – das würde auch nicht passen. Und Paprika, Tomaten, Zucker oder Rosenwasser kann man längst nicht mehr in der Apotheke kaufen. Zum Glück gibt es noch die Zeitdokumente, aus denen wir auch oft Skurriles aus der Geschichte der Apotheken ablesen können.

Foto: Zimmer mit altem Klavier und Ledersessel

Die Schätze der Bibliothek der Österreichischen Apothekerkammer

Franz Biba mit dem größten Buch der Bibliothek

Darf ich Ihnen gleich zu Beginn unserer kurzen Führung durch die Bibliothek mein derzeitiges Lieblingsbuch zeigen, bevor ich es wieder in den Schatzkasten räume? Es kam vor kurzem frisch aus der Restaurierung und das ist immer ein sehr spannender Moment. Noch dazu ist es unser größtes Buch, nämlich die Aroideae Maximilianae aus dem Jahr 1879, herausgegeben vom Botaniker Heinrich Wilhelm Schott. Schott begleitete Kaiser Maximilian auf seiner Brasilien-Expedition zwischen 1817 und 1821. Das Buch beinhaltet die gesammelten Arongewächse nach handschriftlichen Aufzeichnungen Schotts.

Buch-Paten gesucht

Wir haben in der Bibliothek noch etwa 500 weitere Bücher, die auf Restaurierung warten. Es sind wahre Schätze, die wir teilweise garnicht berühren sollten, um sie vor dem Auseinanderfallen zu bewahren. Für die Restaurierung suchen wir Buch-Paten, die sich am Aufwand der Restaurierung beteiligen. Bei Interesse können Sie sich direkt an mich oder meine Kollegin in der Bibliothek wenden.

Über 100.000 Bücher und Zeitschriften

Die Bibliothek der Österreichischen Apothekerkammer liegt im neunten Wiener Gemeindebezirk, im so genannten Apothekerhaus im dritten Stock. Sie ist nach Anmeldung öffentlich zugänglich und es kommen immer wieder Gäste, die hier unsere Bücher lesen. Der Lesesaal ist im historischen Teil der Bibliothek, wo etwa 8.000 Bücher stehen. Insgesamt haben wir in der Bibliothek aber etwa 100.000 Bücher und Zeitschriften. Wir verborgen die Bücher nicht, aber wir haben genügend Platz im Lesesaal für unsere Gäste und beantworten Anfragen auch gerne per Email oder Telefon.

Der Schatzkasten der Bibliothek

Das älteste Buch der Bibliothek – Das Kleine Destillierbuch von Hieronymus Brunschwig

Im Lesesaal befindet sich auch unser Schatzkasten – ein versperrter, unauffälliger Buchkasten mit unseren wertvollsten Büchern. Hier steht auch unser ältestes Buch, eine Inkunabel, die am 8. Mai 1500 in Straßburg gedruckt wurde. Das Kleine Destillierbuch von Hieronymus Brunschwig ist natürlich noch voll im Sinn der Alchemie verfasst und zeigt, wie man aus Pflanzen durch Destillation Kraft und Geist schöpfen kann. In Österreich gibt es davon nur zwei Exemplare – das zweite war lange in Besitz der Landschaftsapotheke Judenburg, eine der ältesten Apotheken Österreichs, und befindet sich nun in der Universitätsbibliothek Graz.

Versteckte Bücher

Die Bücher aus dem Schatzkasten sind wichtige und auch wirklich schöne Bücher aus der Geschichte der Pharmazie. Dank des persönlichen Einsatzes des Bibliothekars Dr. Thormann während des zweiten Weltkriegs wurden die Bücher nicht nach München gebracht, sondern blieben in Wien – teilweise versteckt. Erst vor ca. zehn Jahren haben wir eines dieser Bücher gefunden, als die Bibliothek restauriert wurde. Das Buch stand hinter einem Regal in einem Hohlraum, es heißt Die natürliche Historie der Frösche hiesigen Landes von Rösel von Rosenhof und ist sehr kunstvoll illustriert.

Goethes Wahlverwandtschaften

Einige der Buch-Schätze haben wir auch im Schaukasten ausgestellt, wie etwa das Buch des Pharmazeuten Johann Friedrich August Göttling, der mit Goethe in Weimar in regem Austausch war. Göttling verfasste 1802 das erste Hochschullehrbuch der qualitativen Analyse in dem er auch die damals neu entdeckten chemischen Affinitäten beschreibt, die zu jener Zeit aber noch Wahlverwandtschaften hießen. Dieser Titel hat übrigens Goethe zu seinem Werk Die Wahlverwandtschaften inspiriert.

Bibliothek als Lesegesellschaft 1802 gegründet

Franz Biba in der Bibliothek der Österreichischen Apothekerkammer

Im gleichen Jahr, in dem Göttling das Hochschullehrbuch veröffentlichte, wurde auch die Pharmazeutisch-Chemische Lesegesellschaft gegründet, der Ursprung dieser Bibliothek. Zu jener Zeit, also rund um 1800, ausgehend von den Entdeckungen Antoine Laurent de Lavoisiers, befand sich die Chemie im Umbruch. Die neuen Bücher waren nicht leicht zu bekommen und so gründete der Wiener Apotheker Josef Moser 1802 die Lesegesellschaft. Moser war übrigens ein weitgereister Apotheker und auch Schüler Lavoisiers in Paris. Die Mitglieder der Lesegesellschaft trafen sich vorerst in der Privatwohnung Mosers, um die neuen Bücher zu lesen und zu besprechen. Zu Moser kann ich Ihnen auch eine schöne Geschichte erzählen – denn er war der erste Apotheker, der seine Apotheke, die Wiener Löwenapotheke in der Josefstädterstraße, mit einer Gaslampe beleuchtete. Eine Sensation, die sich sogar der Kaiser persönlich anschauen kam. Aber darüber erzähle ich ihnen mehr zu einer anderen Biba-Time.

Kontakt:
bibliothek@apothekerkammer.at
Wir sind für Sie da, wenn Sie z.B. Scans per Mail brauchen. Wir haben einen digitalen Katalog über die vorhandenen Medien. Bibliotheksführungen finden nach Anfrage statt.

Foto: Zimmer mit altem Klavier und Ledersessel

Die Namen der Apotheken

Woher haben die Apotheken ihre Namen? Viele Apotheken heißen wie ihr Standort, wie zum Beispiel Bahnhofsapotheke oder ehren eine berühmte Person, wie die Beethoven-Apotheke. Immerhin ein Zehntel der Österreichischen Apotheken sind nach einem Tier benannt: Adler, Löwe und Bär führen die Liste an.

Biber oder Gemse: Apothekennamen mit tierischen Geschichten

Ich finde es ja ausgesprochen lustig, dass es immerhin drei Biber-Apotheken in Österreich gibt. Natürlich haben diese nichts mit mir zu tun, mich schreibt man ja mit A, wie Apotheke. Trotzdem lächle ich immer, wenn ich an einer der Biber-Apotheken vorbei spaziere, wie zum Beispiel an der Apotheke Zum Goldenen Biber. Seit 1608 befindet sie sich in der Getreidegasse in Salzburg. Im 19. Jahrhundert bekam sie ihren heutigen Namen, denn damals war ein Sekret aus den Drüsensäcken des Bibers, das Castoreum, sehr beliebt als Mittel gegen Krämpfe, hysterische Anfälle oder Nervosität. Nach einer anderen Tierdroge ist die Apotheke Zur Gemse in Golling, Salzburg, benannt: sie erinnert uns an die frühe Verwendung von Gemsenkugeln in der Volksmedizin, um etwa bei Kopfschmerzen „die Schlafstube auszuräuchern“.

Der schwarze Elefant: Apothekennamen mit Bezug zu speziellen Häusern

Die Apotheke Zum schwarzen Elefanten, die bis 1693 am Wiener Graben stand, hat zwar in ihrem Namen ein beeindruckendes Tier – der Name aber bezieht sich auf ein Relief an der Hausmauer. Die frühesten Apothekennamen gehen nämlich meist auf Hausnahmen zurück. Das passierte vor diesem Haus: Erzherzog Maximilian hatte bei seinem Einzug in Wien im Jahr 1552 einen schwarzen Elefanten mit dabei. Als ein kleines Kind dem Elefanten vor die Füße stolperte, trat dieser nicht etwa drauf sondern nahm es mit seinem Rüssel und gab es der Mutter zurück. Dem Elefanten zu Ehren bekam das Haus ein Relief und wurde Elefantenhaus genannt.

Am häufigsten: Namen mit religiösem Inhalt

Am häufigsten finden wir jedoch Apothekennamen mit religiösen Inhalten. Hier fallen mir gleich die Fülle an Apotheken mit Mariennamen auf. Fast 90 der über 270 Apotheken mit Namen von Heiligen tragen einen Mariennamen, vor allem in Wien und Niederösterreich sind diese Namen besonders häufig. Warum? Das hat mit unserer Habsburg-Geschichte zu tun: Die habsburgischen Herrscher waren bemüht, den katholischen Glauben besonders zu vertiefen, was man an der Zahl der der heiligen Maria geweihten Kirchen und Kapellen erkennt – oder eben auch den Marienapotheken.

Nachforschung mit detektivischem Geschick

Wo eine Apotheke steht oder stand hat auch großen Einfluss auf ihren Namen, wie das Beispiel der Apotheke Zum Schwarzen Elefanten zeigt. Als die Apotheke 1639 übersiedelte, bekam sie aber einen neuen Namen. Ein wenig komplizierter wird die Nachforschung, wenn sich Standortnamen selbst ändern. Die Mathildenapotheke am Wiener Gaußplatz ist dafür ein gutes Beispiel, denn sie ist nicht nach einer berühmten Mathilda benannt. Hier hilft uns die Lokalgeschichte weiter: Bis 1919 hieß der Gaußplatz Mathildenplatz, benannt nach der Tochter des Erzherzogs Albrecht. Apotheken tragen natürlich oft einen Namen nach einer historisch wichtigen Person. Aber in diesem Fall handelt es sich um einen echten Standortnamen. Eine Spitzfindigkeit.

Die Geschichte lebt in den Apothekennamen weiter

Apothekennamen geben viele Hinweise über die Geschichte und Gesellschaft. Sie beinhalten unglaublich viel geistiges Kulturgut. Ganz eng verknüpft mit unserer Geschichte sind beispielsweise die Hofapotheken, die nach ihrer ursprünglichen Aufgabe benannt wurden. Sie hatten seit dem 16. Jahrhundert eine besondere Funktion in den Habsburgischen Residenzstädten. Denn neben der Versorgung der Herrscher und des Hofstaats mussten die Hofapotheker den Herrscher auch auf Reisen begleiten. Das macht aus heutiger Sicht natürlich keinen Sinn mehr. Aber damals konnte das durchaus lebensrettend sein.

Leider gehen im Schilderwald auf unseren Straßen die schönen, alten Apothekenwahrzeichen oft unter. Der Übersichtlichkeit halber tragen viele daher das rot stilisierte A auf weißem Grund. Umso mehr Freude bereitet es daher, wenn die Namen eine Geschichte erzählen.
Quelle:
Die Namen der Österreichischen Apotheken, ÖAZ, 43 JG, Folge 9, März 1999

Foto: Zimmer mit altem Klavier und Ledersessel

Die R-Reihe der Bibliothek der Österreichischen Apothekerkammer

Bibliothekarin Sigrid Fichtinger-Huber

Heute begleitet uns meine Kollegin Sigrid Fichtinger-Huber durch die Bibliothek der Österreichischen Apothekerkammer und das ist mir eine besondere Ehre. Denn sie ist hier seit knapp fünf Jahren die Bibliothekarin und mit vielen wichtigen Agenden betreut, wie etwa der Erstellung eines digitalen Bibliothekskatalogs, dem Ankauf neuer Bücher oder der fundierten Beratung unserer LeserInnen. Frau Fichtinger-Huber, was werden Sie uns heute zeigen?

Die R-Reihe: Romane, Märchen, Tagebücher

„Ich möchte Ihnen gerne die R-Reihe unserer Bibliothek vorstellen, denn durch sie wird eine wichtige Rolle dieser Bibliothek deutlich. Die R-Reihe ist eine Sondersammlung von derzeit etwa 500 Büchern. Das „R“ steht dabei für Romane – aber diese Bezeichnung greift viel zu kurz. Zur Sammlung gehören Bücher der Belletristik genauso wie epische Werke, Gedichtbände oder dramatische Werke die von Apothekern selbst geschrieben wurden. Außerdem beinhaltet die Sammlung auch Werke, wo der Apotheker selbst zum Gegenstand wurde und Biographien von Apothekern.

Die Bibliothek der Apothekerkammer hat sich zum Ziel gesetzt Zeitzeugin zu sein von dem was die Apotheken und Apotheker in ihrer Gesamtheit ausmacht. Wenn daher beispielsweise eine Apothekerbiografie erscheint oder wir von einem Werk erfahren, das von einem Apotheker verfasst wurde, ist es für uns selbstverständlich, das für unsere R-Reihe anzukaufen. Dabei ist es nicht wichtig, ob der Inhalt des Werks aus dem Gebiet der Pharmazie kommt oder eher der Literatur zuzuordnen ist.

Die Sammlung der R-Reihe wurde von meinem Vor-Vorgänger, dem Apotheker Dr. Dormann begonnen und später vom Apotheker Dr. Nowotny mit besonderem Interesse weitergeführt. Dr. Nowotny hat selbst auch immer wieder aktiv geforscht zum Thema Apotheker als Literaten. Nicht wenige Apothekerdichter, wie beispielsweise Georg Trakl oder Theodor Fontane, haben irgendwann ihren ursprünglichen Beruf aufgegeben, um ihrem inneren künstlerischen Drang zu folgen.

Vom Apotheker zum Märchensammler: Ludwig Bechstein

Eines der ältesten Bücher der R-Reihe stammt von Ludwig Bechstein: die 1832 erschienenen Novellen und Fantasiegemälde. Ludwig Bechstein kennen Sie vielleicht als Verfasser von Märchen wie etwa dem Tapferen Schneiderlein oder Hänsel und Gretel. Bechstein absolvierte in den 1820er Jahren auf Wunsch seines Adoptivvaters eine Ausbildung zum Apotheker obwohl das nicht seine Passion war. Sein Gedichtband Die Sonettenkränze, den er während seiner Ausbildung verfasste, erregte die Aufmerksamkeit des Herzogs Bernhard II von Sachsen-Menningen, der in weiterer Folge Bechsteins Förderer wurde. Bechstein konnte mit seiner Hilfe das Studium der Geisteswissenschaften absolvieren und wurde letztendlich erster Hofbibliothekar. Das war ein Beruf, in dem er seine künstlerischen Neigungen ausleben konnte.

Ludwig Bechstein ist für unsere Bibliothek auch deshalb interessant, weil er ursprünglich Apotheker war, bevor er Dichter wurde.

Ein Apotheker in Kriegsgefangenschaft: Ludwig Schwenk

Das neueste Buch unserer R-Reihe ist ein historisches Werk. Es sind die oft tragischen Tagebuchaufzeichnungen des Apothekers Ludwig Schwenk Als Kriegsgefangener durch Serbien (2016). Schwenk ist gegen Ende des Ersten Weltkriegs in Serbische Kriegsgefangenschaft geraten, was er in seinem Tagebuch dokumentierte. Zuvor leitete er in Wien die Apotheke seines Vaters, die er schließlich auch übernahm – obwohl er lieber Musiker oder Arzt geworden wäre. Als der erste Weltkrieg ausbrach wurde Schwenk aufgrund seines Berufs lange nicht einberufen, da eine funktionierende Apotheke auch in Kriegszeiten ein wichtiges Gut war. 1917 wurde er schließlich doch einberufen – und zwar als Apotheker. In seinem Tagebuch beschreibt er seine traumatischen Kriegserlebnisse.

Schwenks Tagebuch ist ein Zeitzeugenbericht eines Apothekers und daher selbstverständlicher Weise für unsere Bibliothek ein wichtiges Werk. Wir sehen dadurch die Zeit durch die Augen eines Apothekers und das passt natürlich zum Anspruch der Bibliothek Zeitzeugin zu sein von dem, was das Leben eines Apothekers ausmacht, egal ob in einer Apotheke oder außerhalb.“

Foto: Zimmer mit altem Klavier und Ledersessel

Was es früher in Apotheken zu kaufen gab

In einer früheren Ausgabe der Biba-Time habe ich Ihnen über den Erfindergeist der Apotheker erzählt. Wenn wir von einer anderen Perspektive auf die Erfindungen der Apotheker blicken, so können wir daraus lesen, dass es zum Beispiel Sodawasser oder sogar Pepsi Cola zunächst ausschließlich in Apotheken zu kaufen gab – bevor Produktion und Vertrieb ausgelagert wurden.

Auch Marzipan, Zucker und Gewürze wie Paprikapulver gab es Ende des 17. Jahrhunderts ausschließlich in Apotheken zu kaufen. Aus heutiger Sicht scheint das natürlich absurd, denn all diese Dinge kaufen wir längst im Supermarkt. Was hat sich also verändert? Hatte die Apotheke früher eine andere Aufgabe als heute? War sie etwa ähnlich wie ein Supermarkt? Natürlich nicht! Die Gesundheit der Menschen stand für Apotheker immer schon im Mittelpunkt. Was sich aber tatsächlich verändert hat sind die Therapien und der Arzneimittelbegriff.

Marzipan, das exquisite Heilmittel

Nehmen wir als Beispiel das Marzipan, das bereits im Mittelalter in großen Teilen Europas bekannt war. Es galt damals vor allem für alte, schwache Menschen als Heilmittel, da es einen sehr hohen Zuckergehalt hat und leicht einzunehmen ist. Aufgrund des Zuckergehalts war Marzipan in der damaligen Zeit auch extrem teuer, da Zucker nicht überall erhältlich war – eigentlich nur in Apotheken. Auch eine andere Zutat für das Arzneimittel Marzipan gab es nur in der Apotheke, nämlich Rosenwasser.

Zucker wurde damals ausschließlich aus Zuckerrohr hergestellt. Die wirtschaftliche Situation und damit auch die Verbreitung von Marzipan änderte sich drastisch, als Zucker aus Zuckerrüben hergestellt werden konnte – übrigens geht diese Erfindung wieder auf Apotheker zurück, nämlich Andreas Sigismund Marggraf und seinen Schüler Franz Carl Achard, der 1801 die erste Zuckerrübenfabrik der Welt in Schlesien eröffnete.

Paradeiser als Stimmungsaufheller

Bei vielen Gewürzen oder anderen Stoffen sehen wir vielleicht zunächst nicht den Arzneimittel-Aspekt und finden es daher im Nachhinein erstaunlich, dass diese Mittel nur in der Apotheke zu kaufen waren. Paprika ist aufgrund seiner schmerzlindernden Wirkung ein weiteres gutes Beispiel dafür, über das ich Ihnen schon in einer Biba-Time erzählt habe. Ähnlich ist es mit der Tomate, die ich eigentlich lieber Paradeiser nenne. Der Paradeiser oder Paradies-Apfel galt einst – nomen est omen – als Aphrodisiakum. Um 1540 war Joachim Kreich einer der ersten, der diese Pflanzen in seinem Apothekergarten kultivierte. Ob er die Liebesäpfel in seiner Apotheke in Torgau auch verkaufte, ist nicht überliefert.

Wie wir heute wissen, kann der Genuss von Tomaten zu einer vermehrten Produktion des Glückshormons Serotonin führen. So gesehen kann man Paradeiser durchaus als Stimmungsaufheller bezeichnen. Und Lycopin, ein Carotinoid, das in reifen Tomaten reichlich vorkommt, gilt als Radikalfänger und kann, wie eine finnische Langzeitstudie erst kürzlich ergeben hat, u.a. das Schlaganfallrisiko deutlich senken.

Bemerkenswert finde ich, dass Paradeiser erst um 1900 auf Wiener Märkten angeboten wurden. Mittlerweile sind Paradeiser aus unserer Küche nicht wegzudenken – und in der Apotheke sind sie als solches nichtmehr zu erkennen, denn Lycopin gibt es als Bestandteil verschiedener Nahrungsergänzungsmittel in Kapseln.

Foto: Zimmer mit altem Klavier und Ledersessel

Damenspenden

Die Österreichische Apothekerkammer hat in ihrer Sammlung so manche Rarität, aus der man nicht nur etwas über die Geschichte der Pharmazie erfährt, sondern auch über damalige Gepflogenheiten, zum Beispiel bei Bällen.

Tanzbüchlein: Wer darf mit den Damen tanzen?

Heutzutage ist es ja so, dass Paare meist gemeinsam auf Bälle gehen und fast ausschließlich miteinander tanzen. Früher, also im 19. Jahrhundert etwa, war das ganz anders. Da gingen Damen oft mit ihren Eltern oder einer Anstandsdame auf so genannte Kränzchen, wie viele Bälle früher hießen. Beim Eingang bekamen die Damen die festgelegte Tanzordnung überreicht. Wer mit den Damen tanzen wollte, musste den Tanz schon frühzeitig reservieren – durch Eintragen seines Namens in die so genannte Tanzkarte der Dame. Die Tanzkarten mussten die Damen ständig bei sich tragen, um immer zu wissen, mit wem sie den nächsten Tanz tanzen würden.

Beispiel eines Tanzbüchleins, in welches sich die Herren zum Tanz eintragen konnten

Aus den Tanzkarten wurden verzierte Tanzbüchlein, in die sich die Herren eintragen konnten. Die Tanzbüchlein waren wichtige Accessoires und wurden den Damen als Damenspenden gemeinsam mit Blumen oder Fächer beim Betreten des Ballsaals überreicht. Im Laufe der Zeit ließen die Veranstalter der Bälle und Kränzchen immer fantasievollere Tanzbüchlein herstellen, die die Damen während des Balls am Fächer oder Kleid tragen konnten. Es waren nicht einfach nur Notizbüchlein, sondern kunstvolle Schmuckstücke.

Damenspenden der Pharmazeuten-Kränzchen: Messingminiaturen

Beispiel für eine der wertvollen Damenspenden

In der Bibliothek der Österreichischen Apothekerkammer können Sie drei Damenspenden bewundern, die bei den Pharmazeuten-Kränzchen verteilt wurden. Es sind kleine, aufwändig verarbeitete Miniaturen einer Tinkturpresse, eines Dektotoriums und eines Destillierapparats. Die Miniaturen wurden von der Firma August Klein aus Wien hergestellt. Wenn Sie genau hinsehen, können sie die Tanzbüchlein erkennen, die in die Miniaturen eingearbeitet wurden. Die sechs bis acht Zentimeter hohen Nachbildungen aus Messing sind so exakt gearbeitet, dass die beweglichen Teile auch jetzt noch funktionieren. Sie können sich vorstellen, dass diese Miniaturen heutzutage begehrte Sammlerobjekte sind.

Es wird Sie vielleicht verwundern, aber das Pharmazeuten-Kränzchen, also eine Tanzveranstaltung von Pharmazeuten für Pharmazeuten, wie sie die Ärzte, Juristen oder Techniker längst hatten, ist im Vergleich zu anderen Bällen relativ jung. Das lag vermutlich daran, dass Pharmazeuten zunächst für ihre Ausbildung nicht unbedingt Matura benötigten und daher unter Studenten als sozial nicht gleichgestellt galten. Oder dass Pharmazeuten zunächst zum Ärztestand zugeordnet wurden und auch, dass es in Wien um 1870 vergleichsweise wenige Apotheker gab. Das erste Pharmazeuten-Kränzchen fand daher erst 1874 in Wien statt. In den Folgejahren mussten die Veranstalter schnell auf größere Ballsäle ausweichen, da der Andrang sehr hoch war. Für die Damenspenden ließen sich die Organisatoren dabei übrigens von den Techniker-Cercles inspirieren, bei denen ebenfalls kleine Miniaturen von technischen Geräten als Damenspende verteilt wurden.