Foto: Zimmer mit altem Klavier und Ledersessel

Damenspenden

Die Österreichische Apothekerkammer hat in ihrer Sammlung so manche Rarität, aus der man nicht nur etwas über die Geschichte der Pharmazie erfährt, sondern auch über damalige Gepflogenheiten, zum Beispiel bei Bällen.

Tanzbüchlein: Wer darf mit den Damen tanzen?

Heutzutage ist es ja so, dass Paare meist gemeinsam auf Bälle gehen und fast ausschließlich miteinander tanzen. Früher, also im 19. Jahrhundert etwa, war das ganz anders. Da gingen Damen oft mit ihren Eltern oder einer Anstandsdame auf so genannte Kränzchen, wie viele Bälle früher hießen. Beim Eingang bekamen die Damen die festgelegte Tanzordnung überreicht. Wer mit den Damen tanzen wollte, musste den Tanz schon frühzeitig reservieren – durch Eintragen seines Namens in die so genannte Tanzkarte der Dame. Die Tanzkarten mussten die Damen ständig bei sich tragen, um immer zu wissen, mit wem sie den nächsten Tanz tanzen würden.

Beispiel eines Tanzbüchleins, in welches sich die Herren zum Tanz eintragen konnten

Aus den Tanzkarten wurden verzierte Tanzbüchlein, in die sich die Herren eintragen konnten. Die Tanzbüchlein waren wichtige Accessoires und wurden den Damen als Damenspenden gemeinsam mit Blumen oder Fächer beim Betreten des Ballsaals überreicht. Im Laufe der Zeit ließen die Veranstalter der Bälle und Kränzchen immer fantasievollere Tanzbüchlein herstellen, die die Damen während des Balls am Fächer oder Kleid tragen konnten. Es waren nicht einfach nur Notizbüchlein, sondern kunstvolle Schmuckstücke.

Damenspenden der Pharmazeuten-Kränzchen: Messingminiaturen

Beispiel für eine der wertvollen Damenspenden

In der Bibliothek der Österreichischen Apothekerkammer können Sie drei Damenspenden bewundern, die bei den Pharmazeuten-Kränzchen verteilt wurden. Es sind kleine, aufwändig verarbeitete Miniaturen einer Tinkturpresse, eines Dektotoriums und eines Destillierapparats. Die Miniaturen wurden von der Firma August Klein aus Wien hergestellt. Wenn Sie genau hinsehen, können sie die Tanzbüchlein erkennen, die in die Miniaturen eingearbeitet wurden. Die sechs bis acht Zentimeter hohen Nachbildungen aus Messing sind so exakt gearbeitet, dass die beweglichen Teile auch jetzt noch funktionieren. Sie können sich vorstellen, dass diese Miniaturen heutzutage begehrte Sammlerobjekte sind.

Es wird Sie vielleicht verwundern, aber das Pharmazeuten-Kränzchen, also eine Tanzveranstaltung von Pharmazeuten für Pharmazeuten, wie sie die Ärzte, Juristen oder Techniker längst hatten, ist im Vergleich zu anderen Bällen relativ jung. Das lag vermutlich daran, dass Pharmazeuten zunächst für ihre Ausbildung nicht unbedingt Matura benötigten und daher unter Studenten als sozial nicht gleichgestellt galten. Oder dass Pharmazeuten zunächst zum Ärztestand zugeordnet wurden und auch, dass es in Wien um 1870 vergleichsweise wenige Apotheker gab. Das erste Pharmazeuten-Kränzchen fand daher erst 1874 in Wien statt. In den Folgejahren mussten die Veranstalter schnell auf größere Ballsäle ausweichen, da der Andrang sehr hoch war. Für die Damenspenden ließen sich die Organisatoren dabei übrigens von den Techniker-Cercles inspirieren, bei denen ebenfalls kleine Miniaturen von technischen Geräten als Damenspende verteilt wurden.

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