Foto: Zimmer mit altem Klavier und Ledersessel

Die R-Reihe der Bibliothek der Österreichischen Apothekerkammer

Bibliothekarin Sigrid Fichtinger-Huber

Heute begleitet uns meine Kollegin Sigrid Fichtinger-Huber durch die Bibliothek der Österreichischen Apothekerkammer und das ist mir eine besondere Ehre. Denn sie ist hier seit knapp fünf Jahren die Bibliothekarin und mit vielen wichtigen Agenden betreut, wie etwa der Erstellung eines digitalen Bibliothekskatalogs, dem Ankauf neuer Bücher oder der fundierten Beratung unserer LeserInnen. Frau Fichtinger-Huber, was werden Sie uns heute zeigen?

Die R-Reihe: Romane, Märchen, Tagebücher

„Ich möchte Ihnen gerne die R-Reihe unserer Bibliothek vorstellen, denn durch sie wird eine wichtige Rolle dieser Bibliothek deutlich. Die R-Reihe ist eine Sondersammlung von derzeit etwa 500 Büchern. Das „R“ steht dabei für Romane – aber diese Bezeichnung greift viel zu kurz. Zur Sammlung gehören Bücher der Belletristik genauso wie epische Werke, Gedichtbände oder dramatische Werke die von Apothekern selbst geschrieben wurden. Außerdem beinhaltet die Sammlung auch Werke, wo der Apotheker selbst zum Gegenstand wurde und Biographien von Apothekern.

Die Bibliothek der Apothekerkammer hat sich zum Ziel gesetzt Zeitzeugin zu sein von dem was die Apotheken und Apotheker in ihrer Gesamtheit ausmacht. Wenn daher beispielsweise eine Apothekerbiografie erscheint oder wir von einem Werk erfahren, das von einem Apotheker verfasst wurde, ist es für uns selbstverständlich, das für unsere R-Reihe anzukaufen. Dabei ist es nicht wichtig, ob der Inhalt des Werks aus dem Gebiet der Pharmazie kommt oder eher der Literatur zuzuordnen ist.

Die Sammlung der R-Reihe wurde von meinem Vor-Vorgänger, dem Apotheker Dr. Dormann begonnen und später vom Apotheker Dr. Nowotny mit besonderem Interesse weitergeführt. Dr. Nowotny hat selbst auch immer wieder aktiv geforscht zum Thema Apotheker als Literaten. Nicht wenige Apothekerdichter, wie beispielsweise Georg Trakl oder Theodor Fontane, haben irgendwann ihren ursprünglichen Beruf aufgegeben, um ihrem inneren künstlerischen Drang zu folgen.

Vom Apotheker zum Märchensammler: Ludwig Bechstein

Eines der ältesten Bücher der R-Reihe stammt von Ludwig Bechstein: die 1832 erschienenen Novellen und Fantasiegemälde. Ludwig Bechstein kennen Sie vielleicht als Verfasser von Märchen wie etwa dem Tapferen Schneiderlein oder Hänsel und Gretel. Bechstein absolvierte in den 1820er Jahren auf Wunsch seines Adoptivvaters eine Ausbildung zum Apotheker obwohl das nicht seine Passion war. Sein Gedichtband Die Sonettenkränze, den er während seiner Ausbildung verfasste, erregte die Aufmerksamkeit des Herzogs Bernhard II von Sachsen-Menningen, der in weiterer Folge Bechsteins Förderer wurde. Bechstein konnte mit seiner Hilfe das Studium der Geisteswissenschaften absolvieren und wurde letztendlich erster Hofbibliothekar. Das war ein Beruf, in dem er seine künstlerischen Neigungen ausleben konnte.

Ludwig Bechstein ist für unsere Bibliothek auch deshalb interessant, weil er ursprünglich Apotheker war, bevor er Dichter wurde.

Ein Apotheker in Kriegsgefangenschaft: Ludwig Schwenk

Das neueste Buch unserer R-Reihe ist ein historisches Werk. Es sind die oft tragischen Tagebuchaufzeichnungen des Apothekers Ludwig Schwenk Als Kriegsgefangener durch Serbien (2016). Schwenk ist gegen Ende des Ersten Weltkriegs in Serbische Kriegsgefangenschaft geraten, was er in seinem Tagebuch dokumentierte. Zuvor leitete er in Wien die Apotheke seines Vaters, die er schließlich auch übernahm – obwohl er lieber Musiker oder Arzt geworden wäre. Als der erste Weltkrieg ausbrach wurde Schwenk aufgrund seines Berufs lange nicht einberufen, da eine funktionierende Apotheke auch in Kriegszeiten ein wichtiges Gut war. 1917 wurde er schließlich doch einberufen – und zwar als Apotheker. In seinem Tagebuch beschreibt er seine traumatischen Kriegserlebnisse.

Schwenks Tagebuch ist ein Zeitzeugenbericht eines Apothekers und daher selbstverständlicher Weise für unsere Bibliothek ein wichtiges Werk. Wir sehen dadurch die Zeit durch die Augen eines Apothekers und das passt natürlich zum Anspruch der Bibliothek Zeitzeugin zu sein von dem, was das Leben eines Apothekers ausmacht, egal ob in einer Apotheke oder außerhalb.“

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