Foto: Zimmer mit altem Klavier und Ledersessel

Was es früher in Apotheken zu kaufen gab

In einer früheren Ausgabe der Biba-Time habe ich Ihnen über den Erfindergeist der Apotheker erzählt. Wenn wir von einer anderen Perspektive auf die Erfindungen der Apotheker blicken, so können wir daraus lesen, dass es zum Beispiel Sodawasser oder sogar Pepsi Cola zunächst ausschließlich in Apotheken zu kaufen gab – bevor Produktion und Vertrieb ausgelagert wurden.

Auch Marzipan, Zucker und Gewürze wie Paprikapulver gab es Ende des 17. Jahrhunderts ausschließlich in Apotheken zu kaufen. Aus heutiger Sicht scheint das natürlich absurd, denn all diese Dinge kaufen wir längst im Supermarkt. Was hat sich also verändert? Hatte die Apotheke früher eine andere Aufgabe als heute? War sie etwa ähnlich wie ein Supermarkt? Natürlich nicht! Die Gesundheit der Menschen stand für Apotheker immer schon im Mittelpunkt. Was sich aber tatsächlich verändert hat sind die Therapien und der Arzneimittelbegriff.

Marzipan, das exquisite Heilmittel

Nehmen wir als Beispiel das Marzipan, das bereits im Mittelalter in großen Teilen Europas bekannt war. Es galt damals vor allem für alte, schwache Menschen als Heilmittel, da es einen sehr hohen Zuckergehalt hat und leicht einzunehmen ist. Aufgrund des Zuckergehalts war Marzipan in der damaligen Zeit auch extrem teuer, da Zucker nicht überall erhältlich war – eigentlich nur in Apotheken. Auch eine andere Zutat für das Arzneimittel Marzipan gab es nur in der Apotheke, nämlich Rosenwasser.

Zucker wurde damals ausschließlich aus Zuckerrohr hergestellt. Die wirtschaftliche Situation und damit auch die Verbreitung von Marzipan änderte sich drastisch, als Zucker aus Zuckerrüben hergestellt werden konnte – übrigens geht diese Erfindung wieder auf Apotheker zurück, nämlich Andreas Sigismund Marggraf und seinen Schüler Franz Carl Achard, der 1801 die erste Zuckerrübenfabrik der Welt in Schlesien eröffnete.

Paradeiser als Stimmungsaufheller

Bei vielen Gewürzen oder anderen Stoffen sehen wir vielleicht zunächst nicht den Arzneimittel-Aspekt und finden es daher im Nachhinein erstaunlich, dass diese Mittel nur in der Apotheke zu kaufen waren. Paprika ist aufgrund seiner schmerzlindernden Wirkung ein weiteres gutes Beispiel dafür, über das ich Ihnen schon in einer Biba-Time erzählt habe. Ähnlich ist es mit der Tomate, die ich eigentlich lieber Paradeiser nenne. Der Paradeiser oder Paradies-Apfel galt einst – nomen est omen – als Aphrodisiakum. Um 1540 war Joachim Kreich einer der ersten, der diese Pflanzen in seinem Apothekergarten kultivierte. Ob er die Liebesäpfel in seiner Apotheke in Torgau auch verkaufte, ist nicht überliefert.

Wie wir heute wissen, kann der Genuss von Tomaten zu einer vermehrten Produktion des Glückshormons Serotonin führen. So gesehen kann man Paradeiser durchaus als Stimmungsaufheller bezeichnen. Und Lycopin, ein Carotinoid, das in reifen Tomaten reichlich vorkommt, gilt als Radikalfänger und kann, wie eine finnische Langzeitstudie erst kürzlich ergeben hat, u.a. das Schlaganfallrisiko deutlich senken.

Bemerkenswert finde ich, dass Paradeiser erst um 1900 auf Wiener Märkten angeboten wurden. Mittlerweile sind Paradeiser aus unserer Küche nicht wegzudenken – und in der Apotheke sind sie als solches nichtmehr zu erkennen, denn Lycopin gibt es als Bestandteil verschiedener Nahrungsergänzungsmittel in Kapseln.

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